Rede der VVN-BdA Dortmund am 22. Juni 2021

beim Erinnern an den Überfall der deutschen Faschisten auf die Sowjetunion vor 80 Jahren

 

Liebe Anwesende.

Heute vor 80 Jahren, am 22.Juni 1941, überfiel die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion. Der vom Zaun gebrochene Vernichtungskrieg kostete 27 Millionen Sowjetbürgerinnen und –bürger das Leben. Diese historische Tatsache wird nicht bestritten. Aber wer an sie erinnert, gerät leicht in den Verdacht, eine „Putin-Versteherin“ zu sein - als ob Verstehen etwas Schlechtes wäre und nicht die Grundlage für Frieden und Völkerverständigung.

„Einen Schlussstrich unter der Vergangenheit kann es nicht geben.“ Mit diesen Worten von Außenminister Heiko Maas hat die Bundesrepublik Deutschland erst vor kurzem – am 28. Mai dieses Jahres – die Ermordung von bis zu 85.000 Herero und Nama zwischen 1904 und 1908 im damaligen Deutsch-Südwestafrika offiziell als Völkermord anerkannt. Als „Geste der Anerkennung des unermesslichen Leids“ sollen in den nächsten 30 Jahren insgesamt 1,1 Milliarden Euro für Projekte im heutigen Namibia bereitgestellt werden. Wäre der 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion nicht auch ein geeignetes Datum für eine Geste der Anerkennung des unermesslichen Leids - gewesen?

Der Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama, die sogenannten „Hottentotten“, gilt heute als der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts. Er ist die erste Blutspur des imperialistischen Herrenmenschenwahns, der auch zum Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion führte. In der Größenordnung sind beide Verbrechen unvergleichbar. Gemessen an der Zahl der Todesopfer übersteigt der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion selbst den Holocaust um ein Vielfaches. Aber solch eine Gegenüberstellung würde weder den Opfern noch der Tat gerecht. Der rassistische Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden bildete eine Tateinheit mit den Massen- und Völkermorden in den besetzten Gebieten. Die Einsatzgruppen hinter der Front waren die ersten, die systematisch und massenhaft jüdische Menschen ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht ermordeten. Mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann auch die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ im engeren und eigentlichen Sinn.

Aus Sicht der Täter waren Vernichtungskrieg und Eroberungskrieg zwei Seiten einer Medaille. Es ging ihnen vor allem um Bodenschätze und Nahrungsmittel für die eigene „Herrenrasse“. Die Bevölkerung der besetzten Gebiete hatte in ihren Augen nur als unterwürfiges und ungebildetes Sklavenvolk eine Daseinsberechtigung. Die rassistische Bestimmung des sogenannten „slawischen Untermenschen“ sollte körperliche Schwerstarbeit in den Minen und auf den Feldern sein. Der ganze Rest sollte „verschwinden“ – vertrieben oder vernichtet werden. Der maßlose Vernichtungswahn umfasste nicht nur die sogenannten „Brutstätten des Bolschewismus“ wie Moskau, Leningrad oder Stalingrad sowie alle, die zur „jüdisch-bolschewistischen Intelligenz“ oder zur angeblichen „Rasse der Zigeuner“ gezählt wurden. Getroffen werden konnte auch, wer irgendwie „in die Quere kam“ oder auch nur „schief schaute“. Der im Schatten des Eroberungskriegs geführte Vernichtungskrieg sollte einen „Raum ohne Volk“ schaffen, der als künftiger „Lebensraum“ für das herangezüchtete Herren-Volk „ohne Raum“ vorgesehen war.

Bei ihrer Entvölkerungsplanung setzten die Schreibtischtäter vor allem auf das Vernichtungsmittel des Hungers. Der Kerngedanke war, die städtischen und auf ertragsarmen Böden gelegenen „Zuschussgebiete“ von ihrer Nahrungsmittelversorgung aus den ertragreichen „Überschussgebieten“ abzuschneiden. Die Überschüsse sollten stattdessen der Wehrmacht und dem Reich zugeführt werden. Die Folgen für die Bevölkerung in den abgeschnittenen Zuschussgebieten wurden als katastrophal eingeschätzt. In den „Wirtschaftspolitischen Richtlinien für Wirtschaftsorganisation Ost, Gruppe Landwirtschaft“ vom 23. Mai 1941 heißt es dazu: „Die Bevölkerung dieser Gebiete, insbesondere die Bevölkerung der Städte, wird größter Hungersnot entgegensehen müssen. (…)Viele 10 Millionen von Menschen werden in diesem Gebiet überflüssig und werden sterben oder nach Sibirien auswandern müssen.“

Für die Verantwortlichen war das kein Grund, ihre Planung zu ändern, geschweige denn, die Sowjetunion gar nicht erst anzugreifen. Im November 1941 erklärte Hermann Göring dem italienischen Außenminister Graf Galeazzo Ciano: „In diesem Jahr werden in Russland zwischen 20 und 30 Millionen Menschen verhungern. Und vielleicht ist das gut so, denn gewisse Völker müssen dezimiert werden.“ Auch der federführende Hunger-Planer, Ernährungs-Staatssekretär Herbert Backe, war mit seinen moralischen Grundsätzen im reinen. Wenige Wochen vor dem Überfall auf die Sowjetunion verfasste er „12 Gebote für Landwirtschaftsführer“. In seinen Ausführungen zum 11. Gebot finden sich die Sätze: „Armut, Hunger und Genügsamkeit erträgt der russische Mensch schon seit Jahrhunderten. Sein Magen ist dehnbar, daher kein falsches Mitleid.“ – Ein deutscher Sieg wäre noch verheerender als der Krieg gewesen.

Das beweist auch der Umgang mit den Besiegten, den insgesamt 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen. 3,3 Millionen von ihnen überlebten die Gefangenschaft nicht. Die Menschlichkeit ist keine Meisterin aus Deutschland. Wir können sehr froh sein, dass sich die sogenannten „Untermenschen“ die selbst ernannten „Herrenmenschen“ nicht zum Vorbild genommen haben. Wenn die Sowjetunion auch ihrerseits einen Vernichtungskrieg geführt hätte, ständen wir nicht hier.

Heute stehen wir – die Deutschen – blendend da. Wir haben – so heißt es – den kalten Krieg gewonnen. Haben wir das wirklich? Haben wir den kalten Krieg gegen die Sowjetunion gewonnen? Oder haben wir mit der Sowjetunion gegen den kalten Krieg gewonnen? Zumindest die sowjetische Seite hatte gehofft, in diesem zweiten Sinn auch gewinnen zu können. Das Ende der Blockkonfrontation sollte den Weg frei machen zu echtem Frieden, zu Abrüstung und Wohlstand. Die Siegesprämie über den kalten Krieg hatte einen vielversprechenden Namen: „Friedensdividende“. War die sowjetische Führung zu naiv? Der Abzug der sowjetischen Truppen aus der DDR erfolgte jedenfalls im festen Vertrauen darauf, dass sich das vereinigte Deutschland an den Zwei-Plus-Vier-Vertrag halten würde. Insbesondere an Artikel 2: „Die Regierungen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik bekräftigen ihre Erklärungen, dass von deutschem Boden nur Frieden ausgehen wird.“

Aktuell überschreiten wir gerade die Schwelle zu einem neuen kalten Krieg mit Russland und Weißrussland. Wir sind gut gerüstet. Allein im letzten Jahr haben die NATO-Staaten rund 1,1 Billionen – also 1107 Milliarden - US-Dollar für die Verteidigung ausgegeben. Das ist fast das 18-Fache der russischen Verteidigungsausgaben von aufgerundet 62 Milliarden Dollar. Noch übersteigen sie die deutschen Ausgaben von rund 53 Milliarden Dollar. Aber Deutschland holt auf. Während die russischen Rüstungsausgaben im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Milliarden Dollar gesenkt wurden, sind die deutschen um 3,8 Milliarden gestiegen. Sind wir dabei, den neuen Rüstungswettlauf mit Russland zu gewinnen? Vorsicht ist geboten. Russland ist nach wie vor das weitaus größte Land der Erde. Niemand kann solch ein Land in die Enge treiben. Höhere Rüstungsausgaben erhöhen nicht die Sicherheit. Sie verschärfen die Spannungen und beschwören erneut die Gefahr eines Atomkriegs aus Versehen herauf. Diese Gefahr, der wir im letzten kalten Krieg mehrmals nur knapp entkommen sind, wäre in einem neuen kalten Krieg keineswegs geringer. Die verkürzten Vorwarnzeiten gestatten keinen menschlichen Entscheidungsspielraum mehr. Unfehlbar ist die stattdessen eingesetzte künstliche Intelligenz nicht. Sollten wir es nicht doch lieber mit menschlicher Intelligenz – mit Verstehen – versuchen?

Am 70. Jahrestag des Kriegsendes veröffentlichte ein 1952 geborener russischer Autor einen Artikel mit der Überschrift „Das Leben ist eine einfache und grausame Sache“. Er schildert darin die von ihm nachrecherchierten Kriegserlebnisse seiner Eltern in Leningrad während der Hungerblockade, die ungefähr eine Million Menschen das Leben kostete. Im letzten Absatz beschreibt er die Eltern in der Nachkriegszeit: „Sie empfanden keinen Hass gegenüber dem Feind. Ich kann das, ehrlich gesagt, bis heute nicht ganz begreifen. Meine Mutter (…) sagte: >> Wie soll man diese Soldaten hassen? Es waren einfache Leute, und sie sind auch im Krieg gefallen. (…)Sie waren fleißige Arbeiter wie wir auch. Man hat sie an die Front getrieben. <<“

Der Autor des Artikels und der Sohn dieser unbegreiflichen „Deutschen-Versteherin“ ist Wladimir Putin.

Ich danke für die Aufmerksamkeit

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