Phoenix ist versunken
Von Wolfgang Richter
Dieser Aufsatz zum Phönix-See in Dortmund Hörde wurde veröffentlicht in der Zeitschrift „Amos“ Nr. 1/2011. Wir drucken den Text ab mit freundlicher Genehmigung des Autors
"Phoenix" – einst ein Name für Kohle und Stahl – heute ein Name für das Wässern und Fluten von Erinnerungen - so hieß 2004 ein Artikel in AMOS, der skizzierte, was alles mit dem weggeräumten Stahlwerk zu versinken drohte. So begann er: "Ein wundervoller See soll in Dortmund-Hörde entstehen - Schaubilder sind farbig angelegt, Planungen sind weit gediehen, Gutachten sind angefertigt, Bürger wurden beteiligt, Pläne sind fertig und erwarten Genehmigungen. Die Finanzierung ist unsicher, aber das wird schon werden, sagt die lokale Politik." 2011 ist es geworden – noch nicht fertig, aber den Phantasiebildern entsprungen und neoliberale Wirklichkeit.
Versunkener Phoenix – er steht in diesem Bild für Stahl, für Stahlproduktion, für Stahlarbeit. Vor zehn Jahren wurde sie in Dortmund-Hörde plattgemacht, um es in der Sprache der Stahlwerker zu sagen, in der Sprache der Unternehmensverbände wurde den Marktgesetzen gefolgt und die Stahlwerker wurden freigesetzt. Diesen vor Ort schmerzhaften Prozess hatte ich seinerzeit auch als einen des Vergessens charakterisiert und spektakulär anmutende Planungen für das zurückgebliebene Loch im Stadtraum skizziert. Inzwischen sind die Dinge weit gediehen.
Tatsächlich wurde in der vergifteten Industriebrache "Natur" neu hergestellt - der See, die Inseln und die Ufer, die Emscher und der Hörder Bach, die Hanglagen, das Schilfrohr, die Algen und die Weißfische - ein Paradies, zur Gänze von Menschenhand geschaffen. Drumherum entstehen 1a Wohnbauflächen und Mischgebiete, natürlich auch ein Hafen. Unter großer zumeist empathischer Anteilnahme der Öffentlichkeit wird die Natur zurzeit künstlich mit Wasser gefüllt - je zur Hälfte mit natürlichem (Grund-) Wasser und mit aufbereitetem (Trink-) Wasser.
Die technischen und finanziellen Schwierigkeiten der Realisierung haben nur die Zeitpläne verschoben, nicht das große Ganze gefährden können. Die neue erste Adresse für Wohnen und Gewerbe kann nun der Verwertung zugeführt werden. Damit wird ein großer Kreislauf geschlossen, der unter dem Kürzel PPP bekannt und geübt ist - Public Private Partnership, das öffentliche Gemeine (Public) und privates Interesse (Private) gehen eine vertragliche Bindung (Partnership) ein. In anderen Worten: die immer ärmere öffentliche Hand und immer reichere private Hände kooperieren – eine Idee wird geboren und politisch durchgesetzt, ein Entwickler investiert, die Kommune regelt großzügig, was zu regeln ist und feiert das Produkt. Sie wird erst später belastet, Gewinne fließen reichlich und auf vielfältige Weise an den Investor und über ihn an Dritte. So entsteht, was der Kommune nicht zuzutrauen war, und erscheint der Bürgerschaft wie ein kleines oder großes Wunder. Der Phoenix-See ist ein großes Wunder.
Wunder werfen Fragen auf, einige sollen hier skizziert werden:
- die Omnipotenz lokaler Schaffenskraft,
- die Verquickung privaten Interesses mit öffentlichem,
- die Verschleierung sozialer Beziehungslosigkeit.
Die Omnipotenz der Macher - alles können, alles machen, alles verantworten?
Während die schwindende politische Öffentlichkeit in den Städten die bewusste Verarmung der Kommunen erlebt und ahnt, wie viel sozial und kulturell Notwendiges nicht mehr aufrecht erhalten bleibt, veranstaltet die Stadt – genauer das "urban regime" - ein kostenträchtiges Event mit Symbolcharakter nach dem anderen, schier unerschöpflich scheinen ihre Reserven dafür zu sein. Der Phoenix-See ist das Meisterstück.
Der gewaltförmige Umgang der Kapitalisten mit den natürlichen Ressourcen – allezeit nur mühsam staatlich eingegrenzt und nie wirklich gebändigt - setzt sich hier fort: Ausgelaugte Industrieflächen werden "renaturiert", während gleichzeitig neu flächenfressendem Gewerbe letzte grüne Flächen im Stadtplan angeboten werden. Was hochgradig widersinnig erscheint, wird kommunal und zusätzlich durch Programme von Land, Bund und/oder EU gefördert und gefordert - im Wettbewerb um privates und öffentliches Geld ist das Absahnen aus Förderprogrammen überlebenswichtig. Inzwischen buchen Strategien der Stadtentwicklung das Verrückte als Standortvorteil und das Absurde als Eyecatcher im Konkurrenzkampf der Städte und Kreise um Investoren und Spekulanten. Das "Wunder" in Hörde ist so ein Eyecatcher - er soll weltweit von der Potenz der Stadt künden.
Das industrielle Ruinenfeld, zu großen Teilen "bergbauliche Verdachtsfläche", von aufragenden Bauten befreit, nicht aber von Fundamenten, verborgener Infrastruktur und verseuchtem Boden, war für 15 Mill. € - wie gesehen - gekauft worden. Die Gutachter sahen einmal mehr keine großen Probleme und erfanden einen Kostenrahmen von 185 Mill. €. Inzwischen zerrannen weitere 30 Mill. € den Machern zwischen den Händen und den Malochern beim Sprengen, Baggern und Transportieren in den Untiefen der Brache. "Völlig unvermutet" stießen sie auf großformatige Fundamentierungen und Räume im Grund. Die ehemaligen Beschäftigten des Werkes und die Anwohner hatten Ahnung, die Gutachter aber blieben ahnungslos. Es war ihr Auftrag – der See musste her, koste es was es wolle.
Auch die Zeit zerrann zwischen den Terminplänen - das Wässern des Sees wurde immer wieder geschoben. Würde er überhaupt vom Grundwasser und dem Hörder Bach zu füllen sein? Die rettende Idee: Trinkwasser in großen Mengen zusetzen, zeitweilig 1500 cbm am Tag: Wasser marsch! Technisch ist alles möglich, alles ist machbar, wir bezahlen alles - ist alles verantwortbar? Im Sommer dieses Jahres wird nun das Jahr 2008 eingeholt werden - da hatte der See (ohne Trinkwasser) vollgelaufen sein sollen. Manche in Hörde sorgen sich, andere schließen Wetten ab: Wird der See dicht sein oder wird dauernd das Lebensmittel Trinkwasser zugesetzt? Egal: Technisch ist alles möglich, alles ist machbar, wir bezahlen alles …
Omnipotenz der lokalen Politik ist kein "Wunder", sondern zur Schau gestellte ökonomische wie ökologische Unvernunft, blendende Werbestrategie, Balzerei im Konkurrenzkampf der Kommunen und letztlich Versuch der Herrschaftssicherung.
Das Gemeinwesen als Ankermieter – öffentliche Förderung des Privaten
Die gegenüber den krisenhaften Schwankungen der Wirtschaft verstetigtere Bautätigkeit in der Stadt wird zu weiten Teilen von einem lokalen PPP-Modell gesichert – die Kommune, eine ihrer Töchter oder eine von ihr neu gegründete Gesellschaft verpflichtet sich, Teile der Objekte zu mieten, die per Wirtschaftsförderung mobilisierte private Anleger errichten. Auf dieser Basis fließen nötige Kredite. Die Kommune als Ankermieter – das funktioniert deshalb, weil sie als Konzern die größte Beschäftigerin und mithin kontinuierlichste Nutzerin von Gewerbe- und Büroflächen in der Stadt ist. Sie kann etwas zum Ankurbeln einsetzen. "Stadt in Bewegung" – die Beschäftigten des Konzerns Stadtverwaltung verbinden diesen Werbeslogan gerne damit, wie sie im Stadtgebiet um und um gesetzt werden.
Ausgerechnet das Planungs- und Bauordnungsamt hat sein denkmalgeschütztes Amt bereits vor Jahren zugunsten eines Investors freigezogen und zahlt seitdem (Anker-) Miete an einen Versicherungskonzern. Dies zählt im Privatisierungs-Spiel doppelt: Einmal geht nun Miete von der Kommune an den Versicherer und zum anderen – das angelockte Viersternehotel wollte die Immobilie dann doch nicht entwickeln – muss seitdem der Leerstand gesichert werden als Vorleistung für eine zudem zunehmend verlustreichere Privatisierung. Ein hübsches Beispiel für das Geschäftsmodell – es setzt Mittel um und um - von der öffentlichen Hand in die privaten weit geöffneten der Immobilien- und Finanzwirtschaft.
Fast hätten wir den Phoenix-See aus den Augen verloren – wir finden ihn wieder, wenn wir in ihm die Ankermiete für das gewinnträchtige Entwicklungsprojekt rund um das öffentlich geschaffene Natur-Ereignis erkennen. Auf der Sonnenseite des Phoenix-Sees – dem nach Süden herab terrassierten Nordufer, es wird als erstes vermarktet – sind sensationelle Baugrundstücke für Einfamilienhäuser, Stadtvillen und arriviertere Wohnprojekte abgesteckt und, wie es heißt, weitgehend verkauft. Die "Phoenix-See-Entwicklungsgesellschaft" betreibt ihr Geschäft als Vermarktungsgesellschaft professionell: Ihr Internet-Auftritt präsentiert die ca. 200 Grundstücke hier in Zuschnitt, Höhenlage, Bebaubarkeit, Kosten des Erwerbs – 300 €/qm – und stetig schwindende Verfügbarkeit. Wenn die Türschilder angeschraubt sein werden, wird man sehen können, wer hier zugegriffen hat – mit Hilfe der öffentlichen Ankerleistungen wurde ein erstaunlich niedriger weil hoch subventionierter Grunderwerbspreis im Paradies möglich.
Das Hafengelände sucht noch Investoren, aber das wird schon. Jedenfalls sind auch hier die kommunal aktiven Planungs- und Baulöwen im neoliberalen "urban regime" vor Anker gegangen – der in Dortmund die meisten Leerstände aufstapelt, hat seine neue Hauptverwaltung direkt neben die Hörder Burg platziert. Und die Garde der Entwickler, Architekten, Ingenieure und Unternehmen ist im Gelände anwesend und stellt glitzernde Projekte vor, Glas und Ökologie wird propagiert.
Das Leben in Parallelgesellschaften – soziale Eigensucht anstelle Gemeinwesen
Das Paradies wurde nicht für den "Sozialraum Hörde" geplant und geschaffen, etwa für die hier lebenden und häufig kaum existenzsichernd arbeitenden oder erwerbslosen Menschen. Ihre Namen werden sich an den Türklingeln am Sonnenhang nicht wiederfinden. Aber viele werden – das ist die Vorgabe - herüberkommen, um den See laufen oder radeln, tretbootfahren und den Media-Markt toll finden, der den nördlichen Übergang zum alten Hörde markieren soll. Sie werden gelassen erleben, wie eine Parallelgesellschaft in ihrer Nähe wohnt und lebt. Es ist ihnen nicht neu, dass es das gibt. Es wird – das ist die Rechnung - keine Zäune oder Mauern brauchen, um sich voreinander zu sichern. Aber die "gated community" herzustellen, wäre hier jederzeit gut möglich - das sagt der Lageplan.
Es gehört zur gefühlten Omnipotenz der Herrschenden, dass sie die Kälte und Rigorosität der asozialen Parallelität der Lebenswelten heute wie selbstverständlich zur Normalität erklären. Die Rede geht nicht so, aber die Denke läuft etwa so: Die da unten können doch, wenn sie nahe genug leben, denen da oben den Alltag sichern, ihnen die Stadtvilla putzen, den Garten in Schuss halten, ihre Babies und ihre Veteranen windeln, am liebsten zu Niedrig- oder Hungerlöhnen oder ein Vergelt's Gott. So macht Nähe ja doch Sinn und ist besser als damals die Mädchenkammer, die den Hausherrn ständig in Versuchung führte.
Erschütterungen der Bourgeoisie stellen sich heute woanders her - in den angekündigten Anstürmen geografisch aus dem Osten und Süden, sozial aus den imperialistisch ausgebeuteten und im Elend erstickenden Nachbarstaaten Europas. Die Flüchtlinge drängen nicht an den Phoenix-See, sondern naheliegender in marode Altbestände im Norden der Stadt, die "Heuschrecken" überlassen worden waren. Da die Angekommenen versuchen zu überleben, wecken sie rassistische Instinkte und beleben gestrige Herrschaftsmechanismen, das droht "gated community" im Umkehrschluss an - die Sicherung der Armseligen in Lagerform.
Am Ende werden sich am Phoenix-See Eröffnungsfeiern häufen. Sie werden sozialen Frieden und ein funktionierendes Gemeinwesen simulieren. Dann werden die Existenzprobleme bisheriger Anrainer – in der Öffentlichkeit am bekanntesten das Cabaret Queue und das Restaurant Treppchen - durch die langjährigen schwer emittierenden Bodenbewegungen so oder so ausgestanden sein. Und auch die weniger bekannten Existenzfragen aufgrund der sozialen Verdrängungsprozesse werden irgendwie beantwortet sein. Wird es die Omnipotenten interessiert haben?
Literatur:
Phoenix See Entwicklungsgesellschaft: www.phoenixseedortmund.de und www.wohnen-am-phoenixsee.de
Richter, Wolfgang: "Phoenix" – einst ein Name für Kohle und Stahl – heute ein Name für das Wässern und Fluten von Erinnerungen, in AMOS 3-2004, Marl, www.amos-zeitschrift.de
Stadt Dortmund, Aktionsraum Hörde: www.dortmund.de/de/rathaus_und_buergerservice/lokalpolitik/aktionsplan_soziale_stadt/aktionsraumhoerde
Vellay, Irina: Die Parallelgesellschaft der Armut. Niedrigschwellige existenzsichernde Angebote in Dortmund, in Workfare.Dienstpflicht.Hausarbeit 4/2010, Dortmund, www.stiftung-w.de
Wolfgang Richter, geb.1935, arbeitete als Hochschullehrer im Fachbereich Architektur der FH Dortmund und lebt in Dortmund, Amateur kritischer Kommunalpolitik
Hörde hat einen See
Schon die Nazis wussten um die Schönheit künstlicher Seen – ihr größtes Stück lieferten sie 1934-36 in Hannover ab. Die Arbeitslosigkeit in der Stadt betrug 30% und das Gesetz "zur Verminderung der Arbeitslosigkeit" ermöglichte es, zeitweilig mehr als 1.500 Erwerbslose mit Hacke und Schaufel in das Gelände für den Maschsee zu stecken – ein öffentlicher Beschäftigungssektor der groben Art. Das überzeugte die Bürger der Stadt für die Sozialpolitik Hitlers.
Technisch und ökonomisch war der See in Hörde ungleich schwieriger zu machen, galt es hier doch, aus einem vergifteten Industriegelände eine perfekte Abbildung von Natur zu zaubern. Das war mit Hacke und Schaufel nicht zu machen - Erwerbslose konnten hier nicht eingesetzt werden. Zeitweilig modellierten ein halbes Hundert Bagger die Brache und Hunderte Lastwagen zermürbten den Stadtteil. Anwohner zogen weg, Geschäftsleute gaben auf - andere witterten große Geschäfte und kauften sich ein.
Das Paradies wurde nicht für den "Sozialraum Hörde" und die hier lebenden und häufig kaum existenzsichernd arbeitenden oder erwerbslosen Menschen geplant. Ihre Namen werden sich nicht an den Türklingeln der Villen am Sonnenhang, für die der See geschaffen wurde, wiederfinden. Auch nicht die Namen der Bagger- und Lastwagenfahrer oder die der Maurer und Zimmerleute, die nun die Villen bauen werden.
Die Grundstücke am Sonnenhang sind anders verkauft worden. Trotzdem kann sich Hörde glücklich schätzen: In den gutsituierten Haushalten wird es Minijobs geben und das Pflegen des Seeufers wird einen öffentlichen Beschäftigungsraum für Erwerbslose ergeben. Nicht umsonst hat Hörde einen Platz im "Aktionsplan Soziale Stadt". Die 200 Millionen Euro für den See hätten sozialer angelegt werden können – aber schöner nicht.
Und Hörde hat einen See!